Sexuelles Verlangen ist individuell sehr unterschiedlich. Häufige sexuelle Gedanken, Masturbation, Pornografiekonsum oder einvernehmlicher Sex begründen für sich genommen keine psychische Störung. Bei der Störung mit zwanghaftem Sexualverhalten (CSBD) geht es um anhaltende Schwierigkeiten, wiederholtes Sexualverhalten zu kontrollieren, verbunden mit ausgeprägtem Leidensdruck oder erheblichen Beeinträchtigungen in wichtigen Lebensbereichen.
„Hypersexualität“ wird unterschiedlich verwendet und ist nicht immer eine präzise Diagnose. Die Weltgesundheitsorganisation führt CSBD in der ICD-11 als Impulskontrollstörung. Ein starkes sexuelles Verlangen allein oder ein Leidensdruck, der ausschließlich auf moralischer Missbilligung beruht, reichen für diese Diagnose nicht aus. Diese Unterscheidungen sind wichtig, um zu entscheiden, welche Art von Hilfe jemand benötigt.
Wann eine Abklärung hilfreich sein kann
Ein Verhaltensmuster kann eine Abklärung rechtfertigen, wenn wiederholte Versuche, das Verhalten zu reduzieren, scheitern, wichtige Verpflichtungen oder die Gesundheit vernachlässigt werden oder das Verhalten trotz schwerwiegender Folgen fortgesetzt wird. Für die Diagnose berücksichtigen klinische Fachpersonen ein anhaltendes Muster über einen längeren Zeitraum, in der Regel sechs Monate oder länger – nicht eine bestimmte Anzahl von Sexualpartnern oder sexuellen Aktivitäten. Sie müssen nicht so lange warten, um Unterstützung zu suchen. Die Autoren der ICD-11-Arbeitsgruppe erläutern die diagnostischen Abgrenzungen.
Auch ohne die Kriterien für CSBD zu erfüllen, kann jemand Unterstützung bei Schamgefühlen, Beziehungskonflikten oder unerwünschten sexuellen Gedanken benötigen. Eine Abklärung sollte die sexuelle Orientierung, die Geschlechtsidentität und einvernehmliche Vorlieben respektieren. Die von einem Partner oder einer Partnerin gewünschte Häufigkeit von Sex darf dabei nicht zum diagnostischen Maßstab werden.
Was kann eine Verhaltensänderung sonst erklären?
Eine klinische Fachperson sollte nach Stimmung, Schlaf, Substanzkonsum, Medikamenten und körperlicher Gesundheit fragen. Erhöhte sexuelle Aktivität während einer Manie oder Hypomanie muss beispielsweise als Teil dieser Stimmungsepisode abgeklärt werden. Eine eigenständige CSBD-Diagnose setzt ein anhaltendes Muster außerhalb dieser Episoden voraus, das die diagnostischen Anforderungen erfüllt. Ein Verhalten, das sich durch Medikamente, unmittelbare Substanzwirkungen oder eine andere Erkrankung erklären lässt, sollte nicht als CSBD diagnostiziert werden. Einige Medikamente können die Impulskontrolle beeinflussen. Setzen Sie verordnete Medikamente nicht eigenständig ab. Wenden Sie sich an die verschreibende ärztliche Fachperson, wenn eine Veränderung nach Beginn der Einnahme oder einer Anpassung der Medikation aufgetreten ist.
Es gibt keinen einfachen Hormon- oder Neurotransmittertest, mit dem sich CSBD diagnostizieren lässt. Traumatische Erfahrungen können für manche Menschen eine Rolle spielen, sollten aber nicht vorausgesetzt werden. Die gleichen grundlegenden Prinzipien der Abklärung gelten für alle Geschlechter. „Nymphomanie“ ist ein veralteter, stigmatisierender Begriff und keine aktuelle Diagnose.
Mit einer Fachperson über das Problem sprechen
Es kann helfen, konkrete Probleme zu beschreiben: Fehlzeiten bei der Arbeit, Ausgaben über die eigenen finanziellen Möglichkeiten hinaus, wiederholt gebrochene Vereinbarungen, unerwünschte Gewohnheiten oder Schwierigkeiten aufzuhören, obwohl Sie es möchten. Schildern Sie auch, was Sie bereits versucht haben und was Sie verändern möchten. Um ein Gespräch zu beginnen, müssen Sie keine unnötig expliziten Einzelheiten nennen.
Fragen Sie nach Qualifikation und Erfahrung der Fachperson, nach Vertraulichkeit und deren Grenzen sowie danach, wie Behandlungsziele vereinbart werden. Ein respektvoller Ansatz sollte die beeinträchtigte Kontrolle und schädliche Folgen aufgreifen und zugleich ein gesundes, einvernehmliches Sexualleben unterstützen.
Behandlung und praktische Unterstützung
Eine psychologische Behandlung kann helfen, Auslöser zu erkennen, Bewältigungsstrategien einzuüben und ungünstige Gewohnheiten zu verändern. Die wissenschaftliche Evidenz entwickelt sich weiter, und kein Ansatz garantiert eine Genesung. Gleichzeitig bestehende Depressionen, Ängste oder substanzbezogene Probleme sollten angemessen abgeklärt und behandelt werden.
Einige Medikamente können von einer fachärztlichen Person außerhalb ihrer zugelassenen Anwendungsgebiete in Betracht gezogen werden (Off-Label-Anwendung). Dabei müssen die begrenzte Evidenz, die Risiken und die erforderlichen Kontrolluntersuchungen besprochen werden. Eine Hormonunterdrückung ist keine Routinebehandlung bei starkem sexuellem Verlangen oder CSBD. Fachliche Empfehlungen erörtern diese Behandlungsgrenzen und Schutzmaßnahmen.
Während Sie eine Behandlung organisieren, können folgende Schritte hilfreich sein:
- Notieren Sie, wann Ihnen die Kontrolle schwerfällt und welche Folgen sich daraus ergeben, ohne die Aufzeichnungen zu einem Urteil über Ihren eigenen Wert zu machen.
- Erstellen Sie einen konkreten Plan für riskante Momente, etwa indem Sie eine sich zuspitzende Situation verlassen oder eine unterstützende Person oder Beratungsstelle kontaktieren.
- Halten Sie sich Zeit für Schlaf, Arbeit, Beziehungen und Aktivitäten frei, die Ihnen wichtig sind.
- Lassen Sie sich bei Bedarf zu sexueller Gesundheit, Tests und Schutzmaßnahmen beraten.
- Vereinbaren Sie Grenzen offen und ehrlich. Ihr Partner oder Ihre Partnerin hat das Recht auf eigene Entscheidungen und Unterstützung.
Einvernehmlichkeit und dringender Handlungsbedarf
Eine klinische Diagnose entschuldigt weder Zwang noch schädigendes Verhalten. Sexuelle Aktivitäten setzen eine freiwillig erteilte Einwilligung voraus. Wenn Sie befürchten, jemandem Schaden zufügen zu können, meiden Sie die betreffende Situation und suchen Sie dringend fachliche Hilfe. Wenden Sie sich bei unmittelbarer Gefahr an die örtlichen Rettungs- und Notfalldienste.
Häufige Fragen
Beweisen Schamgefühle eine Sucht?
Nein. Scham kann viele Ursachen haben, darunter Konflikte mit persönlichen Wertvorstellungen oder gesellschaftliche Stigmatisierung. Bei der Abklärung werden die Kontrolle über das Verhalten, die Alltagsbewältigung und der weitere Kontext berücksichtigt.
Ist für die Behandlung ein Aufenthalt in einer Einrichtung erforderlich?
Nicht automatisch. Der geeignete Behandlungsrahmen hängt von der Abklärung, der Sicherheit und dem damit verbundenen Unterstützungsbedarf ab. Fragen Sie, wie ein vorgeschlagenes Programm auf Ihre konkreten Schwierigkeiten eingeht und die Nachsorge sicherstellt.


