Statistiken zu Essstörungen beschreiben Bevölkerungsgruppen, nicht die Prognose eines einzelnen Menschen. Eine aussagekräftige Zahl braucht Angaben zu Land, Altersgruppe, Zeitraum, diagnostischer Definition und Quelle. Die folgenden Schätzungen stammen aus namentlich genannten Studien und Modellen. Sie sollten weder als aktuelle weltweite Fallzahlen dargestellt noch so miteinander verglichen werden, als würden sie dasselbe messen.
Prävalenz bei Erwachsenen in den USA: eine klar definierte Erhebung
Das National Institute of Mental Health berichtet über Ergebnisse der National Comorbidity Survey Replication, die von 2001 bis 2003 unter Erwachsenen in den USA durchgeführt wurde. Essstörungen wurden in einer Teilstichprobe von 2.980 Befragten anhand diagnostischer Interviews und der Definitionen des DSM-IV erfasst. Diese historischen Zahlen bleiben hilfreich, wenn ihr Erhebungszeitraum und ihre Methodik ausdrücklich genannt werden; sie stammen nicht aus einer Prävalenzerhebung von 2026.
| Erkrankung | 12-Monats-Prävalenz | Lebenszeitprävalenz |
|---|---|---|
| Binge-Eating-Störung | 1,2 % | 2,8 % |
| Bulimia nervosa | 0,3 % | 1,0 % |
| Anorexia nervosa | In dieser Stichprobe nicht geschätzt | 0,6 % |
Quelle: NCS-R-Statistiken des NIMH. Die „12-Monats-Prävalenz“ bezieht sich auf das vorangegangene Jahr; die „Lebenszeitprävalenz“ erfasst, ob die Erkrankung irgendwann vor der Untersuchung aufgetreten ist. Diese Werte decken nicht alle heute anerkannten Essstörungen ab, und die diagnostischen Definitionen haben sich seit dieser Erhebung verändert.
Ergebnisse bei Jugendlichen
Im National Comorbidity Survey Adolescent Supplement, das von 2001 bis 2004 durchgeführt wurde, betrug die Lebenszeitprävalenz von Anorexia nervosa, Bulimia nervosa oder einer Binge-Eating-Störung bei Jugendlichen im Alter von 13 bis 18 Jahren in den USA 2,7 %. Die berichtete Schätzung lag bei weiblichen Jugendlichen bei 3,8 % und bei männlichen Jugendlichen bei 1,5 %. Diese Ergebnisse beziehen sich auf die Kategorien und die Population der Erhebung; sie bedeuten nicht, dass Essstörungen nur ein Geschlecht oder eine Altersgruppe betreffen.
Die Schätzung von 28,8 Millionen und die Zahl von 10.200 Todesfällen
Ein Bericht von Deloitte Access Economics vom Juni 2020 für Harvard STRIPED und die Academy for Eating Disorders modellierte die Krankheitslast in den Vereinigten Staaten für 2018–2019. Er schätzte, dass 28,8 Millionen der in diesem Zeitraum lebenden Menschen in den USA irgendwann im Laufe ihres Lebens eine Essstörung entwickeln würden, einschließlich künftiger Fälle. Dies ist eine Lebenszeitprojektion für die USA, keine Angabe zur aktuellen weltweiten Prävalenz.
Dasselbe Modell schätzte für 2018–2019 etwa 10.200 zusätzliche Todesfälle im Zusammenhang mit allen einbezogenen Essstörungen. In Tabelle 4.16 des Berichts mit gerundeten Werten standen etwa 2.700 davon im Zusammenhang mit Anorexia nervosa. Alle 10.200 Todesfälle der Anorexie zuzuschreiben, ist falsch.
Dabei handelt es sich um modellbasierte Schätzungen, nicht um eine direkte Zählung von Totenscheinen oder von Todesfällen, die ausschließlich durch eine Essstörung verursacht wurden. Sie hängen von den berücksichtigten Populationen, Mortalitätsstudien und Annahmen ab. Der Bericht erörtert Unsicherheiten und mögliche Störfaktoren. Siehe den Originalbericht, insbesondere die Abschnitte 2.3 und 2.5 sowie Tabelle 4.16.
Warum Ranglisten zur Sterblichkeit irreführen können
Essstörungen können lebensbedrohlich sein und erfordern rechtzeitige Behandlung. Die Aussage, eine Erkrankung sei „die tödlichste psychische Erkrankung“, setzt jedoch vergleichbare Populationen, Messgrößen und Nachbeobachtungszeiträume voraus. Die Gesamtzahl der Todesfälle, das relative Risiko, das Suizidrisiko und der Anteil der Verstorbenen in einer klinischen Stichprobe sind unterschiedliche statistische Größen. Eine einzelne Rangliste kann diese Unterschiede verdecken und den individuellen Verlauf nicht vorhersagen.
Begleiterkrankungen und Zugang zur Behandlung
Die NCS-R ergab, dass viele Befragte mit Essstörungen im Laufe ihres Lebens auch die Kriterien für eine weitere der untersuchten psychischen Störungen erfüllt hatten. Die Prozentsätze unterschieden sich je nach Essstörung und untersuchten Begleiterkrankungen. Eine Zahl aus einer Stichprobe von Krankenhauspatienten sollte nicht auf alle Menschen mit einer Essstörung übertragen werden, da Krankenhausstichproben Menschen mit komplexerem Behandlungsbedarf umfassen können.
In derselben historischen Erhebung unter Erwachsenen gaben 33,8 % der Befragten mit Anorexie, 43,2 % mit Bulimie und 43,6 % mit einer Binge-Eating-Störung an, gezielt wegen ihrer Essstörung Behandlung gesucht zu haben. Erfasst wird damit die berichtete Behandlungssuche nach der Definition dieser Studie; dies ist weder eine aktuelle Kennzahl zur Versorgungsabdeckung noch eine Genesungsrate.
Aussagen zu Sport, Behinderung und sozialen Medien einordnen
Ein positives Screening-Ergebnis, Symptome eines gestörten Essverhaltens und eine gesicherte Diagnose sind nicht gleichzusetzen. Eine Schätzung aus einer bestimmten Sportart, Klinik, Schule oder Onlinebefragung lässt sich möglicherweise nicht auf alle Sportlerinnen und Sportler, Menschen mit Behinderungen oder ältere Erwachsene übertragen. Auch ein Zusammenhang mit sozialen Medien oder gewichtsbezogener Stigmatisierung belegt für sich genommen keine einzelne Ursache.
Prüfen Sie vor dem Weitergeben einer statistischen Angabe, was gemessen wurde, wer teilgenommen hat, wann die Daten erhoben wurden und ob die Quelle Unsicherheiten angibt. Vermeiden Sie es, einen Prozentsatz aus einer einzelnen Stichprobe zu einer allgemeingültigen Aussage zu machen.
Was die Zahlen für die Suche nach Hilfe bedeuten
Essstörungen betreffen Menschen unabhängig von Alter, Geschlecht, Körperform und Körpergewicht. Niemand muss einem demografischen Stereotyp entsprechen oder ein bestimmtes Gewicht erreichen, um eine diagnostische Abklärung zu benötigen. Die Behandlung kann medizinische Überwachung, ernährungsbezogene Unterstützung und psychologische Betreuung umfassen, bei entsprechender Indikation auch Medikamente. Genesungsverläufe sind unterschiedlich; eine allgemeingültige Erfolgsquote oder ein fester Zeitplan sind daher kein verlässliches Versprechen.


