Führung und Kommunikation
Klar bleiben, wenn Gespräche entscheidend sind
Ein praktischer Leitfaden für schwierige Gespräche, klare Entscheidungen und Kommunikation unter Druck – mit Bezug auf Abdullah Boulads Beitrag für Entrepreneur.
“Zwei Menschen können unterschiedlicher Meinung sein, ohne dass ihre Beziehung zerbricht.”
Abdullah Boulad in EntrepreneurÜbersetzung des Originalzitats
Verfasst von Abdullah Boulad, dem Gründer von THE BALANCE, für Entrepreneur. Es handelt sich um einen Gastbeitrag. Die folgenden redaktionellen Überlegungen sind ein eigenständiger Text.
Manche Gespräche haben Folgen, die über die besprochene Entscheidung hinausgehen. Ein Gründer muss sich vielleicht eine Zeit lang aus dem Berufsalltag zurückziehen. Eine Familie ist sich möglicherweise uneinig, wie sie Unterstützung anbieten kann. Kolleginnen und Kollegen müssen nach Monaten der Unsicherheit ihre Zuständigkeiten neu ordnen. Es gibt eine praktische Frage zu klären, zugleich steht eine Beziehung im Raum. In solchen Situationen einen klaren Kopf zu bewahren bedeutet, beidem ausreichend Aufmerksamkeit zu schenken: deutlich zu machen, was geschehen muss, und gleichzeitig offen dafür zu bleiben, was die andere Person versteht, möchte oder schwierig findet.
In seinem Beitrag für Entrepreneur beschäftigt sich der Gründer von THE BALANCE, Abdullah Boulad, mit Verhandlungen und den emotionalen Anforderungen unter Druck. Der vorliegende Artikel entwickelt dazu einen eigenen praktischen Ansatz, um schwierige Gespräche zu strukturieren: die anstehende Entscheidung benennen, Informationen vorbereiten, die Rollen aller Beteiligten klären, persönliche Grenzen achten und einen umsetzbaren nächsten Schritt vereinbaren. Die folgenden Anregungen dienen als Ausgangspunkt und lassen sich an Ihre Situation anpassen.
Vier Fragen zur Vorbereitung
Welche Entscheidung muss heute getroffen werden?
Welche Informationen oder Perspektiven könnten fehlen?
Wer sollte teilnehmen, und wer darf entscheiden?
Wie geht es weiter, wenn eine Einigung Zeit braucht?
Beginnen Sie mit einer verständlichen Entscheidungsfrage
Bevor Sie ein schwieriges Gespräch vereinbaren, halten Sie dessen Ziel in einem Satz fest. Vielleicht müssen Zuständigkeiten vorübergehend verändert, ein Einwand verstanden oder zwei praktische Möglichkeiten gegeneinander abgewogen werden. Das sind unterschiedliche Gespräche. Ein Termin, bei dem eine bereits getroffene Entscheidung erläutert wird, sollte anders angekündigt werden als einer mit offenem Ausgang. Sagen Sie ehrlich, was sich noch ändern lässt und was bereits feststeht.
Stellen Sie sich einen Gründer vor, der einen Monat Abstand vom Unternehmen plant. Die Aufforderung an das Team, über seine Zukunft zu sprechen, könnte Unsicherheit in mehreren voneinander unabhängigen Bereichen auslösen. Ein konkreter angesetztes Gespräch könnte klären, wer während seiner Abwesenheit dringende Ausgaben freigibt. Ein weiterer Termin könnte die Kommunikation mit der Kundschaft behandeln. Keines dieser Gespräche muss das gesamte Verhältnis des Gründers zu seiner Arbeit klären.
Prüfen Sie zu Beginn, ob alle dasselbe Gesprächsziel vor Augen haben. Bitten Sie die Beteiligten, weitere Themen zu nennen, die sie erwartet hatten. Liegt ein wichtiges Anliegen außerhalb des vereinbarten Rahmens, legen Sie fest, wann und wie es behandelt wird. Wenn eine Frage auf einen späteren Termin verschoben wird, sollte klar sein, wie sie wieder aufgegriffen wird. So wird die Grenze nachvollziehbar, und das Anliegen erhält einen festen Platz in der Planung.
Bereiten Sie Informationen, Fragen und eigene Grenzen vor
Die Vorbereitung kann mit drei kurzen Listen beginnen: Was wissen Sie, was nehmen Sie an, und was müssen Sie erfragen? Eine versäumte Frist ist eine Beobachtung. Die Schlussfolgerung, jemandem sei die eigene Arbeit nicht mehr wichtig, ist eine Deutung. Steht diese Deutung am Anfang, kann das Gespräch schnell zu einer Auseinandersetzung über den Charakter der Person werden. Beginnen Sie mit dem konkreten Ereignis und bitten Sie um ihre Sicht auf das Geschehene.
Überlegen Sie, was Sie anbieten können und was Sie nicht versprechen können. Für eine Führungskraft kann das bedeuten, zunächst zu prüfen, ob eine Änderung der Arbeitszeiten möglich ist. Für ein Familienmitglied kann es darum gehen, den realistisch leistbaren Umfang praktischer Hilfe festzulegen. Ein Angebot wird klarer, wenn auch seine Grenzen benannt werden, etwa die Tage, an denen Sie Zeit haben, oder die Aufgaben, die Sie übernehmen können.
Berücksichtigen Sie auch Ihre aktuelle Situation. Wenn Sie zwischen Terminen hetzen, von Nachrichten abgelenkt sind oder sich bereits über etwas anderes ärgern, fragen Sie sich, ob der Zeitpunkt geeignet ist. Ein kurzer Aufschub mit einem konkreten Ersatztermin kann praktikabler sein als ein ständig unterbrochenes Gespräch. Kann die Besprechung nicht warten, benennen Sie die verfügbare Zeit und konzentrieren Sie sich auf die dringendste Entscheidung.
Teilen Sie die Tagesordnung und wesentliche Informationen nach Möglichkeit vorab. Soll jemand auf einen Vorschlag reagieren, geben Sie der Person ausreichend Gelegenheit, ihn zu lesen. Prüfen Sie, ob sich das Gespräch besser persönlich, telefonisch oder schriftlich führen lässt. Wählen Sie einen Rahmen, in dem die Beteiligten ohne Publikum sprechen können, und berücksichtigen Sie Anforderungen an Barrierefreiheit oder sprachliche Unterstützung. Planen Sie genügend Zeit für Fragen ein.
Machen Sie Rollen und Entscheidungsbefugnisse deutlich
Ein Gespräch kann unübersichtlich werden, wenn die Beteiligten unterschiedliche Vorstellungen davon haben, warum sie teilnehmen. Eine Person erwartet vielleicht, eine Entscheidung zu treffen, eine andere möchte beraten, eine dritte lediglich zuhören. Klären Sie diese Rollen, bevor Sie über das Ergebnis sprechen. Von einer Entscheidung betroffen zu sein, relevante Informationen beizutragen und die Verantwortung für die endgültige Wahl zu tragen, sind unterschiedliche Positionen. Jede sollte verstanden werden.
Erläutern Sie im beruflichen Gespräch, ob Sie Empfehlungen suchen, Einwände hören möchten oder jemanden bitten, einen vereinbarten Plan umzusetzen. Wenn eine Entscheidung die Zustimmung einer anderen Person erfordert, sagen Sie das. Stellen Sie eine Möglichkeit nicht als beschlossen dar, wenn Sie sie selbst nicht genehmigen dürfen. Müssen Sie etwas prüfen, benennen Sie, was Sie klären werden und bis wann Sie eine Antwort geben.
Fragen Sie bei einem Familiengespräch zunächst die betroffene Person, wen sie einbeziehen möchte. Sie kann praktische Hilfe begrüßen und persönliche Themen dennoch lieber vertraulich besprechen wollen. Dass allen das Ergebnis wichtig ist, gibt ihnen nicht automatisch dieselbe Rolle bei der Entscheidung. Fragen Sie, welche Art der Beteiligung hilfreich wäre, und greifen Sie die Frage erneut auf, wenn sich die Richtung des Gesprächs verändert. Eine Einladung zum Zuhören ist keine Erlaubnis, im Namen der Person andere Menschen zu kontaktieren.
Vereinbaren Sie für Gruppengespräche eine einfache Form der Beteiligung. Beispielsweise kann zunächst jede Person ihr Verständnis der Situation schildern, bevor Lösungen verglichen werden. Laden Sie ruhigere Teilnehmende zum Sprechen ein, ohne persönliche Offenlegungen zu verlangen. Muss jemand eine Einzelheit mit einer abwesenden entscheidungsbefugten Person klären, halten Sie die Frage fest, statt die Lücke mit einer Vermutung zu füllen. Ein klarer Ablauf hilft zu erkennen, was die Gruppe tatsächlich entscheiden kann.
Geben Sie dem Gespräch ein angemessenes Tempo
Schwierige Gespräche müssen nicht im Tempo der ersten Reaktion geführt werden. Wirkt eine Frage aufgeladen oder unklar, fragen Sie, welcher Teil zuerst beantwortet werden soll. Werden mehrere Anliegen gleichzeitig vorgebracht, benennen Sie diese einzeln und vereinbaren Sie eine Reihenfolge. Ein Gespräch über Arbeitsbelastung, Vertrauen und die Frist in der kommenden Woche enthält mindestens drei Fragen. Wer alle drei in einem Satz beantworten will, riskiert, dass jede Person auf ein anderes Anliegen reagiert.
Achten Sie auf den Unterschied zwischen Verstehen und Zustimmen. Sie können zunächst prüfen, ob Sie die Position Ihres Gegenübers verstanden haben, bevor Sie entscheiden, ob Sie dessen Vorschlag annehmen. Fassen Sie kurz zusammen, was Sie gehört haben, und geben Sie Gelegenheit zur Korrektur. Fragen Sie, was an diesem Punkt besonders wichtig ist. Das ist vor allem dann hilfreich, wenn vertraute Begriffe wie Unterstützung, Flexibilität oder Engagement für verschiedene Menschen Unterschiedliches bedeuten.
Wird der Austausch zu hitzig, um konstruktiv weiterzusprechen, schlagen Sie eine Pause mit einem klaren Plan zur Fortsetzung vor. Sagen Sie, was Sie brauchen und wann Sie weitermachen möchten. Überlegen Sie während der Pause, welche Frage noch offen ist und ob das Gespräch einen anderen Rahmen oder weitere Beteiligte braucht. Ein enger gefasstes Ziel kann helfen, dem nächsten Austausch leichter zu folgen.
Achten Sie auf Privatsphäre und persönliche Entscheidungsfreiheit
Wenn ein Gespräch die Gesundheit, Beziehungen oder persönlichen Umstände eines Menschen berührt, klären Sie, welche Informationen für die unmittelbar anstehende Entscheidung erforderlich sind. Ein Kollege muss vielleicht wissen, wer eine Aufgabe übernimmt, ohne die privaten Gründe einer Abwesenheit zu kennen. Eine Angehörige kann möglicherweise eine Fahrt organisieren, ohne an jedem Gespräch über Unterstützung beteiligt zu sein. Stimmen Sie den Informationsumfang auf die praktische Aufgabe ab.
Bevor Sie weitere Personen einbeziehen, fragen Sie die betroffene Person, welche Informationen sie mit wem teilen möchte. Benennen Sie die Bitte konkret. An einem Termin teilzunehmen, eine schriftliche Information zu erhalten, einen Kontakt herzustellen und persönliche Einzelheiten zu besprechen, sind unterschiedliche Handlungen. Behandeln Sie die Zustimmung zu einer davon nicht als Zustimmung zu allen. Möchte jemand über eine Bitte nachdenken, geben Sie Raum für eine Antwort, statt Schweigen als geklärte Zustimmung zu deuten.
Dieselbe Sorgfalt gilt für die schriftliche Nachbereitung. Entscheiden Sie, was festgehalten werden soll, wer die Notiz erhält und was vertraulich bleiben kann. Ein hilfreiches Protokoll darf kurz sein: die Entscheidung, die praktischen Zuständigkeiten und der nächste Gesprächstermin. Es muss weder persönliche Offenlegungen noch jede Meinungsverschiedenheit wiedergeben. Bevor Sie es weiterleiten, stellen Sie sicher, dass die Beteiligten wissen, welche Informationen verbreitet werden.
Schließen Sie mit einem umsetzbaren nächsten Schritt
Ein produktives Gespräch kann mit einer Entscheidung, einer vorläufigen Vereinbarung oder einem klareren Bild der noch offenen Fragen enden. Bitten Sie vor dem Abschluss jede Person zu beschreiben, wie es ihrer Auffassung nach weitergeht. Unterschiede sind an dieser Stelle nützliche Hinweise. Eine Person glaubt möglicherweise, man habe vereinbart, eine Möglichkeit zu prüfen, während eine andere von einer festen Zusage ausgeht. Klären Sie diesen Unterschied, solange noch alle anwesend sind.
Benennen Sie für den nächsten Schritt eine verantwortliche Person und einen Zeitrahmen. Im Beispiel des Gründers könnte eine Kollegin bis Donnerstag einen Plan für Freigaben entwerfen, der am Freitag kurz gemeinsam geprüft wird. Hängt eine Entscheidung von fehlenden Informationen ab, legen Sie fest, wer sie beschafft. Ist mehr Zeit erforderlich, vereinbaren Sie, wann das Gespräch fortgesetzt wird und was bis dahin geschehen kann.
Lassen Sie schließlich Raum, die Vereinbarung anzupassen. Fragen Sie, unter welchen Umständen ein weiteres Gespräch nötig wäre und wie jemand ein Anliegen ansprechen kann. Klar unter Druck zu kommunizieren ist eine fortlaufende Aufgabe: sorgfältig vorbereiten, genau zuhören, die Grenzen der eigenen Rolle respektieren und Vereinbarungen einhalten. Das nächste Gespräch beginnt mit den Erwartungen, die in diesem entstanden sind.
Vorgestellte mitwirkende Person
Abdullah Boulad
Gründer und CEO von THE BALANCE
Lernen Sie Abdullah Boulad kennen