Bücher & Kommunikation
Menschliche Kommunikation im Alltag praktizieren
Ein Autorengespräch über Be Human First regt dazu an, alltägliche Begegnungen zu reflektieren: zuhören, Rückmeldungen geben, Missverständnisse klären und Vereinbartes umsetzen.
“Vor Rollen, vor Titeln, vor Ergebnissen.”
Abdullah Boulad, in seinem Autoreninterview mit NewInBooksÜbersetzung des Originalzitats
NewInBooks interviewt Abdullah Boulad über Be Human First. Der Bericht behandelt die schriftstellerische Arbeit des Gründers von THE BALANCE; die Klinik wird im Interview nicht genannt.
In einem Interview mit NewInBooks im März 2026 spricht Abdullah Boulad über Be Human First und die Erfahrungen, die sein Denken über Kommunikation geprägt haben. Ein Autorengespräch kann die Absicht hinter einem Buch vermitteln. Für die Lesenden stellt sich anschließend die Frage, wie eine Idee nützlich wird, wenn das Interview vorbei ist und eine alltägliche Begegnung beginnt.
Kommunikation findet meist nicht in einer wichtigen Verhandlung oder einer sorgfältig geplanten Rede statt. Sie geschieht im kurzen Austausch: bei einer Frage, die nebenbei beantwortet wird, bei einer Rückmeldung zwischen zwei Besprechungen oder bei einer Entschuldigung, die den nächsten Schritt offenlässt. Dieser redaktionelle Beitrag befasst sich mit solchen Alltagssituationen. Er zeigt Möglichkeiten auf, Gewohnheiten wahrzunehmen, Anliegen verständlicher zu formulieren und Missverständnisse zu klären, ohne jedes Gespräch zu einer aufwendigen Übung zu machen. Im Mittelpunkt steht das Üben, nicht das Sich-Präsentieren. Man kann eine klarere Frage oder eine überlegtere Antwort ausprobieren und zugleich offen dafür bleiben, was das Gegenüber tatsächlich braucht.
Vier Fragen zur Vorbereitung
Was geschieht in alltäglichen Gesprächen, wenn Sie sich gehetzt oder abgelenkt fühlen oder sich Ihrer Interpretation sicher sind?
Wie können Sie überprüfen, was jemand meint, bevor Sie auf eine Annahme reagieren?
Was würde eine Rückmeldung so konkret machen, dass sie sich nutzen lässt, und so respektvoll, dass man darüber sprechen kann?
Welche Handlung würde nach einem Missverständnis einer Entschuldigung oder Klarstellung Substanz geben?
Betrachten Sie eine einzelne Alltagssituation genauer
Wer über Kommunikation liest, kann dabei eine lange Liste guter Vorsätze entwickeln. Beginnen Sie stattdessen mit einer wiederkehrenden Situation. Vielleicht beantworten Sie Fragen, während Sie auf einen Bildschirm schauen, versuchen vorschnell ein Problem zu lösen, bevor Sie das Anliegen gehört haben, oder beenden eine Besprechung, ohne zu bestätigen, wer was übernimmt. Wählen Sie ein Beispiel, das Sie beschreiben können, ohne daraus ein Urteil über Ihre gesamte Persönlichkeit zu machen.
Fragen Sie sich, was üblicherweise vor, während und nach dem Austausch geschieht. Was möchten Sie erreichen? Worum scheint die andere Person zu bitten? Was bleibt am Ende des Gesprächs unklar? Diese Fragen können einen konkreten Ansatzpunkt aufzeigen, an dem eine andere Reaktion hilfreich sein könnte. Sie sorgen auch dafür, dass Ihre Reflexion mit etwas verbunden bleibt, das Sie beobachten können.
Stellen Sie sich vor, jemand aus Ihrem Kollegenkreis bittet Sie um Ihre Einschätzung zu einem Entwurf. Vielleicht nehmen Sie an, dass eine vollständige Überarbeitung gewünscht ist, obwohl es tatsächlich nur um eine Entscheidung zu einem Absatz geht. Eine kurze Klärung zu Beginn könnte den Austausch verändern: Auf welchen Teil soll ich mich konzentrieren? Die hilfreiche Erkenntnis ist konkret. Bessere Kommunikation bedeutet in diesem Moment, das Anliegen zu verstehen, bevor Sie mehr Hilfe leisten, als erbeten wurde.
Klären Sie das Gemeinte, bevor Sie Ihre Antwort verteidigen
Eine Antwort kann gut durchdacht sein und dennoch an der Frage vorbeigehen. Bevor Sie Ihre Position erläutern, versuchen Sie zusammenzufassen, was die andere Person Ihrer Ansicht nach meint. Halten Sie die Zusammenfassung kurz und lassen Sie Raum für Korrekturen. Es geht darum, Ihr Verständnis zu überprüfen, nicht darum zu zeigen, wie elegant Sie die Worte des Gegenübers umformulieren können.
Jemand sagt beispielsweise, dass ein Vorhaben schwer zu bewältigen erscheint. Sie könnten fragen, ob das Problem im Arbeitsumfang, im Zeitplan oder in unklaren Zuständigkeiten liegt. Jede Antwort legt ein anderes Gespräch nahe. Wer unmittelbar beschwichtigt oder argumentiert, lässt das eigentliche Anliegen möglicherweise unberührt, selbst wenn die Absicht hilfreich ist.
Das Gemeinte zu klären ist auch dann wichtig, wenn die Worte vertraut wirken. Menschen können mit Begriffen wie Unterstützung, Flexibilität oder Beteiligung unterschiedliche Erwartungen verbinden. Fragen Sie, was das Wort in der Praxis bedeuten würde. Geht es bei Unterstützung darum, zuzuhören, eine Aufgabe gemeinsam zu übernehmen oder eine Entscheidung zu treffen? Eine konkrete Antwort gibt beiden Personen etwas, worüber sie sprechen können. Sie verringert außerdem das Risiko, dass eine Vereinbarung abgeschlossen erscheint, während beide hinter derselben beruhigenden Formulierung jeweils eine andere Handlung vermuten.
Geben Sie Rückmeldungen mit einem klaren Bezug
Eine hilfreiche Rückmeldung benennt eine Handlung oder ein Ergebnis, über das gesprochen werden kann. Beginnen Sie mit der Situation, beschreiben Sie Ihre Beobachtung und erläutern Sie die praktische Auswirkung. Vermeiden Sie es, aus einem einzelnen Beispiel eine dauerhafte Charakterisierung der Person abzuleiten. Auf eine Frage zu einer versäumten Übergabe lässt sich klarer antworten als auf die pauschale Behauptung, jemand kommuniziere nie gut.
Wählen Sie einen geeigneten Rahmen und fragen Sie, ob die Person Zeit für das Gespräch hat. Wenn das Thema sofortige Aufmerksamkeit erfordert, erläutern Sie den Grund. Wenn es warten kann, vereinbaren Sie einen besseren Zeitpunkt, statt es in einen sachfremden Austausch einzuschieben. Der Zeitpunkt garantiert nicht, dass eine Rückmeldung angenehm ist, kann aber ihren Zweck leichter verständlich machen.
Lassen Sie Raum für Informationen, die Ihnen fehlen. Hinter einer versäumten Frist können eine widersprüchliche Anweisung, eine unklare Entscheidung oder ein Fehler stehen, der korrigiert werden muss. Fragen Sie, was geschehen ist, bevor Sie sich auf eine Erklärung festlegen. Besprechen Sie dann den nächsten Schritt. Ein hilfreiches Feedbackgespräch sollte mit etwas Konkreterem enden als dem Versprechen, sich mehr anzustrengen: mit einer vereinbarten Frist, einer klareren Übergabe oder einer Entscheidung darüber, wer die verbleibende Unklarheit beseitigt.
Gehen Sie Missverständnisse angemessen und konkret an
Missverständnisse sind nicht immer ein Zeichen für eine gescheiterte Beziehung. Es kann sich um Situationen handeln, die Klärung, Anerkennung des Erlebten oder ein anderes Handeln erfordern. Wenn Sie erkennen, dass Ihre Worte eine unbeabsichtigte Wirkung hatten, versuchen Sie zunächst, diese Wirkung zu verstehen. Ihre Absicht zu erläutern kann relevant sein, geht aber nicht automatisch auf das ein, was die andere Person Ihnen über ihr Erleben mitteilt.
Wenn Sie selbst eine Rückmeldung erhalten, versuchen Sie, das Bemühen um Verständnis von der Entscheidung zu trennen, ob Sie zustimmen. Sie können um ein Beispiel bitten, Ihre Erinnerung schildern und die Wirkung überprüfen, die die andere Person beschreibt. Daraus kann Zustimmung entstehen, oder das Gespräch kann einen tatsächlichen Unterschied in der Interpretation offenlegen. Vermeiden Sie in beiden Fällen, eine Veränderung zu versprechen, bevor Sie wissen, welche Veränderung gewünscht wird. Eine hilfreiche Reaktion könnte darin bestehen, einem Detail nachzugehen und sich zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder zu melden. Wenn Sie anderer Meinung sind, erläutern Sie den strittigen Punkt, ohne das gesamte Erleben abzutun. So kann das Gespräch präzise bleiben. Zugleich entsteht Raum für eine teilweise Übereinstimmung: Vielleicht beurteilen Sie die ursprüngliche Entscheidung anders, stimmen aber zu, dass die Erklärung unklar war und besser hätte sein sollen. Diese Unterscheidung kann einen konkreten nächsten Schritt ermöglichen, während ein bloßer Streit darüber, wer recht hatte, beide Seiten nicht weiterbringen würde.
Ein konkreter Schritt zur Klärung kann benennen, was geschehen ist und was Sie als Nächstes tun werden. Vielleicht müssen Sie eine Information korrigieren, eine Entscheidung erneut prüfen oder jemandem Gelegenheit geben, einen Gedanken zu Ende zu führen, bei dem Sie unterbrochen haben. Ihre Reaktion sollte zur Situation passen, statt zu einer dramatischen Aussage über Ihren Charakter zu werden. Sie sollte auch vermeiden, die andere Person um beruhigende Bestätigung zu bitten, bevor auf ihr Anliegen eingegangen wurde.
Fragen Sie bei wiederkehrenden Schwierigkeiten, welche Vereinbarung dieselbe Verwirrung verhindern könnte. Wenn eine gemeinsame Aufgabe immer wieder zwischen Zuständigkeiten liegen bleibt, klären Sie die Verantwortung. Wenn Nachrichten missverstanden werden, vereinbaren Sie, wann ein Gespräch nötig ist. Eine Entschuldigung kann den Austausch eröffnen, während eine konkrete Veränderung ihm eine Richtung gibt. Die andere Person braucht möglicherweise weiterhin Zeit oder hat eine andere Vorstellung davon, was helfen würde; lassen Sie Raum, diese Antwort zu hören.
Achten Sie darauf, wie Rollen das Gespräch beeinflussen
Dieselben Worte können unterschiedlich viel Gewicht haben, je nachdem, wer sie ausspricht. Ein Vorschlag einer Führungskraft kann als Anweisung verstanden werden. Eine Frage eines Familienmitglieds kann wie die Aufforderung wirken, Informationen preiszugeben, die die Person lieber für sich behalten möchte. Bedenken Sie Ihre Rolle und ob die andere Person ohne Unbehagen widersprechen oder um Klärung bitten kann.
Machen Sie deutlich, welcher Art Ihr Anliegen ist. Wenn eine Entscheidung bereits getroffen wurde, erläutern Sie, was noch zur Diskussion steht. Wenn Sie um eine Meinung bitten, sagen Sie, wie diese berücksichtigt wird, und behandeln Sie Widerspruch nicht als mangelnde Kooperationsbereitschaft. So erhält die andere Person ein klareres Bild davon, zu welcher Art von Gespräch sie eingeladen wird.
Sie können auch prüfen, ob eine Beteiligung praktisch möglich ist. Verfügt die Person über die relevanten Informationen? Bleibt genügend Zeit für eine überlegte Antwort? Wäre ein Gespräch unter vier Augen angemessener? Diese Fragen sind besonders hilfreich, wenn Sie eine Autoritätsposition innehaben oder den Zeitplan bestimmen. Menschliche Kommunikation umfasst auch die Bedingungen des Austauschs, nicht nur die Wärme der dabei verwendeten Sprache. Ein respektvoller Ton wirkt am besten zusammen mit einem Rahmen, der dem Gegenüber eine echte Antwort ermöglicht.
Lassen Sie Ihren Worten Taten folgen
Ein aufmerksames Gespräch kann seine Bedeutung verlieren, wenn die vereinbarte Handlung anschließend ausbleibt. Halten Sie den nächsten Schritt schriftlich fest, wenn es darauf ankommt: Was wird geschehen, wer ist verantwortlich und wann ist mit einer Rückmeldung zu rechnen? Die Notiz kann kurz sein. Sie soll die Vereinbarung festhalten, ohne aus einem alltäglichen Austausch unnötige Verwaltungsarbeit zu machen.
Wenn Sie eine andere Kommunikationsgewohnheit ausprobieren, betrachten Sie anschließend ein konkretes Beispiel. Hat die Klärung das eigentliche Anliegen sichtbar gemacht? Hat die Rückmeldung zu einem nachvollziehbaren nächsten Schritt geführt? Ist die Klärung auf das Problem eingegangen, das die andere Person angesprochen hat? Fragen Sie gegebenenfalls nach ihrer Sicht und lassen Sie zu, dass die Antwort Ihren eigenen Eindruck differenziert.
Ein Buch oder ein Autorengespräch kann einen Denkanstoß geben. Die tägliche Praxis verleiht diesem Impuls eine konkrete Form. Aufmerksam zuzuhören, ein Anliegen zu benennen und Vereinbartes umzusetzen sind kleine Handlungen, die für andere jedoch erkennbar sind. Ziel ist ein Austausch, in dem Menschen ein klareres Verständnis voneinander und von den nächsten Schritten gewinnen und zugleich offen genug bleiben, um das Gespräch zu korrigieren, wenn es vom Weg abkommt.
Vorgestellte mitwirkende Person
Abdullah Boulad
Autor von Be Human First; Interviewpartner in der Quelle
Lernen Sie Abdullah Boulad kennen